Ein Artefakt mit ungewöhnlicher Retuschierung

Begonnen von thovalo, 23. Februar 2026, 16:16:01

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thovalo

Moin, Euch Allen!


Das letzte aufgelesene Artefakt der vergangenen Woche zeige ich Euch hier in einer Reihe von Bildern. Es handelt sich um einen retuschierten Abschlag.

Größere und große retuschierte Abschläge in Form von Kratzern liegen hier in mehr als eintausend Exemplaren vor, in ebenso hoher Stückzahl auch die kleinen Kratzer (> 3 cm).

Vergange Woche fanden sich vier große Kratzer an Abschlägen, mit der üblichen versteilenden Retuschierung entlang des Randes des Funktionsbereiches und mit der zunehmenden "Unterrsteilung" durch Ab- und Ausbrüche während der Bearbeitung von Knochen, Holz, Geweih oder Knochen. Es ist immer derselbe Effekt: je häufiger ein solcher Kratzer genutzt und nachgeschärft wird, umso steiler und zuletzt "untersteilter" ist der Arbeitsbereich.

Der hier gezeigt Abschlag zeigt ein von diesem Muster deutlich abweichendes Bild.

Es handelt sich um einen heute patinierten Abschlag, entweder aus so bezeichneten "Schotterfeuerstein"  oder baltischen Geschiebefeuerstein.

Die Grundform ist kein ideal gleichförmiger Abschlag, sondern ein Stück, dass zuvor schon (im ersten Bild von Oben her auf der Dorsalansicht) einen kräftigen Schlag erhalten hatte.

Der erstellte Arbeitsbereich liegt dann, auch abweichend vom sonstigen Muster, nicht am distalen Ende der Grundform, sondern seitlich links.

Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.

thovalo

#1

Die Retuschierung an diesem Abschlag ist nicht so angelegt worden, das ein versteilter Kantenumlauf den Randbereich vor Ausbrüchen schützt, sondern wie eine schräg ansteigende Rampe.

Die schräg ansteigende Retusche ist zudem in Stufungen geschuppt. So eine Retuschierung wird ach als eine "geschuppte" Retusche bezeichnet und ist ein Merkmal altsteinzeitlicher Artefakte. Das legt nahe, dass auch dieses Artefakt deutlich älter sein wird, als die sonstigen Funde aus dem Neolithikum und dem Mesolithikum vom Gesamtfundareal.

Aus der späten Altsteinzeit liegen vom Fundgelände zwei gestielte Spitzen der Ahrensberger Kultur und ein großer Retuscheur vor. Eine weitere Anzahl von Artefakten scheint gleichfalls früherer Herkunft zu sein, sie lassen sich aber typologisch nicht einer bestimmte Kultur zuordnen.

Der Neufund würde sich in der Bearbeitung problemlos in die Gruppe von Kratzern/Schabern der spätaltsteinzeitlichen Federmesserkultur aus einem sehr umfangreichen Fundinventar im Nachbarort einfügen.

Weil die riesige Menge an neolithischen Funden bislang den Blick in diese Richtung sehr gefordert hatte, ist sicherlich noch so manches ältere Stück unter den bislang vorliegenden Fundstücken zu finden.

Der konkrete Fundbereich bleibt nunmher ganz gezielt im Fokus der Begehungen.


lG Thomas  :winke:
Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.

Nanoflitter

Hat was von einem Kielkratzer, hier aber eher was pragmatisches aus einer anderen Zeit. LG