Ein vollständiger, kleiner Meißel. Oder doch ein Scheibenbeil?

Begonnen von Neos, 11. April 2026, 18:40:27

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Neos

Moin, zusammen,

es gibt so Tage, da möchte man die Welt umarmen. Gestern war so ein Tag für mich. Dabei dachte ich eigentlich, dass nach dem Fund eines Bohrers, einer gestielten Klinge, einer langen Klinge, eines vielversprechenden Kerngerätes und eines Schabers aus einem schön anzusehenden, schwarz gebänderten Flint nicht noch mehr gehen würde. Doch ich sollte mich täuschen, denn zum Schluss fand ich diesen vollständigen Meißel, den ich euch heute vorstellen möchte. Wobei ... ich gestehen muss, dass ich hin- und hergerissen bin, ob es wirklich ein Meißel oder nicht doch "nur" ein Scheibenbeil ist.

Die asymmetrische Schneide ist nicht geschliffen. Sie ist – beidseitig – in der Art eines Scheibenbeils hergestellt, also geschlagen. Und ich würde meinen, dass hier ein Profi am Werk war, denn die Schneide ist gerade mal 17,3 mm breit. Die Färbung des Flints variiert von weiß über hellgrau bis hellrosa. Die Rinde am Proximalende hat offensichtlich ebensowenig gestört wie das kleine Loch nahe des Distalendes.

Das Fundstück stammt vom selben endneolithisch/bronzezeitlichen Fundplatz nahe der Ostsee wie auch das
Scheibenbeil in Y-Form, der beidseitig gekerbte Schaber/Kratzer und der massive Schaber/Kratzer.

Hier die Daten des Artefakts:

  • Fundgebiet: Nördliches Schleswig-Holstein
  • Länge: 69,3 mm
  • Breite: 14,6 - 21,8 mm
  • Dicke: max. 11,5 mm
  • Gewicht: 22 g

Mich interessiert eure Meinung. Was meint ihr: Meißel oder Scheibenbeil?

Viele Grüße von der Küste

Frank

Neos


Wiedehopf

Moin Frank,

einen sehr schönen Fund präsentierst du uns hier. Ich denke eher an einen Meißel da mir die Schneide für ein Beil nicht breit genug scheint. Wohl ein Gerät zum Austemmen von Holz oder so. Bei einem Meißel denkt man ja zunächst eher an eine quadratische oder rechteckige Nackenfläche zum Draufschlagen, es gibt aber auch dünnackige Flintmeißel (parallel zu den dünnackigen Beilen). Das wäre dann hier ein ungeschliffenes Exemplar. Bin gespannt was die anderen meinen. 

Viele Grüße
Michael     

steinwanderer

Moin Frank,
Glückwunsch zu dem schönen Fundstück. Ich gehe auch davon aus das das ein Meißel ist.
Gruß Klaus
Lewer duad üs Slav

StoneMan

Moin Frank, moin @ll,

ein ganz toller Fund.  :prost:  :Danke2: Sicher ein Ausnahmefund!

So gut Deine Dokumentation ist, macht mich der Fund erst einmal sprachlos.

Meißel kenne ich bisher mit dem quadratisch / rechteckigem Querschnitt mit vier geschliffenen Seiten.

Auf jeden Fall kann man das Teil als Meißel (Spatel, Beitel) nutzen.

Könnte es auch sekundär aus einem Dolchgriff erstellt worden sein?

Gruß

Jürgen
Was könnte wichtiger sein als das Wissen? fragt der Verstand.
Das Gefühl und mit dem Herzen zu sehen, antwortet die Seele.
Antoine de Saint-Exupéry

thovalo


Moin!

Ein sehr schönes Fundstück und interessant, weil es, wie Du bereits vorgestellt hast, nicht sofort klar in die Werkzeugkiste der Steinbearbeitung einzuordnen ist.

Es gibt neben Kernbeilklingen (ob mesolithisch unbeschliffen oder neolithisch beschliffen), Scheibenbeilkingen und Meißeln oft immer noch einen "Zwischenebene" die weder genau in das eine  oder andere Spektrum passt.

Nach einem Gebrauch als Meißel sieht der heutige Zustand der Schneide nicht aus, doch es könnte es sich ja auch um ein ungenutztes Stücke handeln. Die Mühe der zielgerichteten Bearbeitung ist dabei sehr deutlich.

Es finden sich immer wieder Artefakte, die in einem Spektrum zwischen den besser bekannten und vertrauten Dingen liegen und die wir dann nur selten in Katalogen und Abbildungen wiederfinden, weil sie  nicht den allgemeinen üblichen Fundbelegen entsprechen.

Optisch erinert mich so ein Stück an die "modernen" Metalleinsätze in Hobeln, die beim "Abziehen" feine breitere Späne lösen können. Wenn man sich wikingisches und mittelalterliches Handwerk ansieht, gelang es mit den Mitteln dieser Zeiten immer wieder, perfekt geglättet wirkende Oberflächen an Hölzern herzustellen.

Vielleicht liegt dieses Artefakt in diesem Zwischenspektrum einer spezialisierten Anpassung für einen besonderen Bearbeitungsschritt.


lG Thomas  :winke:
Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.

Fischkopp

Hallo Frank,

herzlichen Glückwunsch zu diesen Tollen Fund! Die Idee von Jürgen finde ich wirklich sehr gut! Das Rohmaterial die Verarbeitung und der Erhalt sowie die Präsentation sind wunderbar. Dank fürs mitnehmen!

LG Fischkopp

Neos

Moin, Michael,

Zitat von: Wiedehopf in 11. April 2026, 19:41:01Ich denke eher an einen Meißel da mir die Schneide für ein Beil nicht breit genug scheint.

es gibt "Mini-Beilchen", deren Schneide vergleichbar klein oder auch noch kleiner ist als bei diesem Stück. Ich habe selbst einige davon finden dürfen. Sie sind allerdings insgesamt auch deutlich kleiner als das hier vorgestellte Stück.

ZitatWohl ein Gerät zum Austemmen von Holz oder so.

Das ist auch meine Vermutung.

Viele Grüße

Frank

Neos

Moin, Klaus,

Zitat von: steinwanderer in 11. April 2026, 21:53:48Glückwunsch zu dem schönen Fundstück.

Dank dir!  :super:

ZitatIch gehe auch davon aus das das ein Meißel ist.

Dann sind wir schon zu dritt. Dank dir für deine Einschätzung!  :-D

Viele Grüße

Frank

Neos

Moin, Jürgen,

Zitat von: StoneMan in Heute um 00:04:42ein ganz toller Fund.  :prost:  :Danke2: Sicher ein Ausnahmefund!

für mich persönlich ist es tatsächlich ein Ausnahmefund, denn es ist das erste seiner Art in meiner Sammlung.

ZitatMeißel kenne ich bisher mit dem quadratisch / rechteckigem Querschnitt mit vier geschliffenen Seiten.

Mal abgesehen von Kernmeißeln haben sie ja auch meist einen solchen Querschnitt. Es gibt jedoch auch Ausnahmen. Ob das hier eine solche ist, soll sich noch rausstellen. Ich bin da aber recht zuversichtlich.

ZitatAuf jeden Fall kann man das Teil als Meißel (Spatel, Beitel) nutzen.

Du sprichst hier – ob bewusst oder unbewusst – einen ganz interessanten Aspekt an, nämlich indem du den Begriff "Beitel" erwähnst.
In der (Steinzeit-)Archäologie wird eigentlich immer der Begriff "Meißel" verwendet, was jedoch – wenn man's ganz genau nimmt – eigentlich gar nicht richtig ist. Ein Meißel wird für harte Materialien verwendet, wie z. B. Stein oder Beton, während ein Beitel bei Arbeiten mit Holz eingesetzt wird.

Heißt: Meiner bescheidenen Meinung nach müsste man/ich eigentlich von "Beitel" statt von "Meißel" sprechen.  :kopfkratz:

ZitatKönnte es auch sekundär aus einem Dolchgriff erstellt worden sein?

Von der Formgebung her zumindest würde es absolut passen. Ausschließen kann man das m. E. daher nicht.

Viele Grüße

Frank

Neos

Moin, Thomas,

Zitat von: thovalo in Heute um 11:33:31Es finden sich immer wieder Artefakte, die in einem Spektrum zwischen den besser bekannten und vertrauten Dingen liegen und die wir dann nur selten in Katalogen und Abbildungen wiederfinden, weil sie  nicht den allgemeinen üblichen Fundbelegen entsprechen.

genau so schaut's aus! Mit der DIN-Norm nahmen es unsere Altvorderen nun mal nicht so genau und haben das an Geräten hergestellt, was gebraucht wurde. So finden sich immer wieder Geräte, deren Zwecke sich unseren Kenntnissen entziehen, und bei denen wir nur mutmaßen können, wozu sie gedient haben könnten. Ich denke das kennen wir alle von dem einen oder anderen Stück.

ZitatOptisch erinert mich so ein Stück an die "modernen" Metalleinsätze in Hobeln, die beim "Abziehen" feine breitere Späne lösen können.
...
Vielleicht liegt dieses Artefakt in diesem Zwischenspektrum einer spezialisierten Anpassung für einen besonderen Bearbeitungsschritt.

Das ist sehr gut möglich.  :super:

Viele Grüße

Frank

Neos

Hallo, Fischkopp,

Zitat von: Fischkopp in Heute um 16:53:44herzlichen Glückwunsch zu diesen Tollen Fund!

Dank dir vielmals!  :-D

ZitatDie Idee von Jürgen finde ich wirklich sehr gut!

Du meinst die Sache mit der Sekundärverwendung? Ja, das wäre denkbar.

ZitatDas Rohmaterial die Verarbeitung und der Erhalt sowie die Präsentation sind wunderbar. Dank fürs mitnehmen!

Es war mir eine Freude!

Viele Grüße

Frank

PS: Von Rostock nach Schleswig sind es nur 2 Stunden und 40 Minuten mit dem Auto, wie ich gerade gesehen habe...  :zwinker:

Neos

Kleiner Nachtrag:

Die Fotos Meissel_05.jpg und Meissel_06.jpg stellen fast genau die Fundsituation dar: Der Meißel/Beitel lag – perfekt vom Regen saubergewaschen – auf dem abgebildeten Furchenrücken. Ja, man konnte fast den Eindruck haben, als hätte mir jemand dieses prächtige Artefakt dort extra hingelegt. 

Wer auch immer es war (wenn es denn jemand war): Besten Dank!  :Danke2: