Die Schamanin - neue Sonderausstellung in Halle

Begonnen von Jondalar, 30. März 2026, 20:26:21

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Jondalar

Hallo zusammen,

ich habe mir seit dem Erwachen meines Interesses an der Steinzeit vor einigen Jahren zahlreiche Museen und Ausstellungen in Deutschland angesehen. Keines jedoch hat mich so beeindruckt wie das in Halle. Dort sind zahlreiche außergewöhnliche Funde zu bestaunen, dazu noch ästhetisch exquisit arrangiert und präsentiert. Und wer möchte kann das Ganze durch zahlreiche Schubladen, in denen sich weitere aussagekräftige Funde befinden, weiter vertiefen. Also auf jeden Fall auch etwas für Sammler und nicht nur für die Didaktik. Nun wurde in der vergangenen Woche die neue Sonderausstellung 'Die Schamanin' eröffnet.

Landesmuseum für Vorgeschichte  -  Sonderausstellungen

Man mag von dem Phänomen des Schamanismus halten, was man will, aber allein die Präsentation der mesolithischen Bestattung von Bad Dürrenberg samt der Ergebnisse der Nachgrabung von 2019, sowie die zeitliche 'Einbettung' in die Mittelsteinzeit finde ich mehr als sehenswert!

'...Ausgehend von den neuesten Forschungsergebnissen zur außergewöhnlichen Bestattung der mittelsteinzeitlichen Schamanin von Bad Dürrenberg (7000 vor Christus) wird in der Schau den frühesten Hinweisen auf das Phänomen des ›Schamanismus‹ nachgegangen. Ein großer Teil der Ausstellung widmet sich zudem dem Mesolithikum als wichtiger Phase der kulturellen menschlichen Entwicklung, die viel mehr ist, als nur ein Intermezzo zwischen dem Ende der Eiszeit und dem Beginn des Neolithikums...'                                                                                                                                      (Quelle: Museum für Vor- und Frühgeschichte in Halle) 

Wer das Ganze medial 'abrunden' möchte, kann sich dazu noch folgenden Beitrag ansehen:

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Viele Grüße

Jondalar
'Das Leben ist einfach, aber wir bestehen darauf, es kompliziert zu machen!'
(Konfuzius)

Wiedehopf

Danke, das ist für mich einer der faszinierendsten Funde in Deutschland. Warum wurde ihr z.B. ein geschliffenes (jungsteinzeitliches !) Steinbeil mit ins mesolithische Grab gegeben ?

Viele Grüße
Michael

Jondalar

Hallo Michael, Du wandelndes Lexikon,

vor nicht langer Zeit hätte ich zu Deiner Frage nichts sagen können, aber vor kurzem war ich ja auf der Tagung der mesolithischen AG in Köln. Dort hielt Benjamin Spies (Museum für Franken, Würzburg) einen Vortrag über mesolithische Innovationen. Demzufolge kamen die geschliffenen Beilklingen von Osten (Australien und Japan) und erreichten dann über Nordeuropa (Norwegen) gegen 7.400 v. Chr. Zentraleuropa. Das Beil in der Bestattung von Dürrenberg wurde explizit erwähnt und ist somit eines der frühesten Nachweise von geschliffenen mesolithischen Beilklingen in unseren Breiten.
Viele Grüße

Jondalar
'Das Leben ist einfach, aber wir bestehen darauf, es kompliziert zu machen!'
(Konfuzius)

Wiedehopf

ZitatDort hielt Benjamin Spies (Museum für Franken, Würzburg) einen Vortrag über mesolithische Innovationen. Demzufolge kamen die geschliffenen Beilklingen von Osten (Australien und Japan) und erreichten dann über Nordeuropa (Norwegen) gegen 7.400 v. Chr. Zentraleuropa.

Hallo Jondalar,

das war bestimmt ein sehr spannender Vortrag. Ich höre zum ersten mal von diesem 'Technologietransfer' und kann und will die These deshalb nicht beurteilen.

Ich kann mir aber alternativ auch gut vorstellen, dass zunächst andere Materialien geschliffen wurden (Holz, Muscheln, Rötel ...) und dann irgendwann mal jemand auf die Idee kam, die Technik auch auf Stein zu übertragen. Und zwar, als man erkannte, welche Vorteile eine geschliffene Steinschneide bietet.

Das kann natürlich zu verschiedenen Zeiten und an ganz verschiedenen Orten passiert sein, wobei ich eine Verbreitung der Technik durch Abgucken von den Nachbarn natürlich nicht ausschließen will.   

Spannendes Thema !

Viele Grüße
Michael   

Jondalar

Hallo Michael,

ich war auch völlig überrascht von geschliffenen mesolithischen Beilklingen und es war daher für mich einer der interessantesten Vorträge. Anbei, damit auch andere sehen können, wovon wir schreiben, die geschliffene mesolithische Klinge (Grünschiefer) aus Bad Dürrenberg mit einem Knochenfutteral aus Hirschgeweih für eine andere Klinge, ebenfalls aus der Bestattung.
Zur Verbreitung der Technologien und Wissen gibt es unterschiedliche Modelle. Für die Mesolithiker gilt zumeist, Herrn Spies zufolge, eine regionale 'Abgeschlossenheit', die dann aber im Falle der Innovationen auch 'überwunden' wurde, was für die überregionale Verbreitung sorgte.
Viele Grüße

Jondalar
'Das Leben ist einfach, aber wir bestehen darauf, es kompliziert zu machen!'
(Konfuzius)

Wiedehopf

Hallo Jondalar,

in einem Bericht welchen ich mal über die mesolithische Schamanin und die in ihrem Grab gefundenen Beigaben gelesen habe, war die Möglichkeit aufgeführt, dass es sich bei dem geschliffenen Beil um ein Prestigestück handelt, welches aus einer bereits neolithisch besiedelten Kontaktzone im Süden nach Sachsen-Anhalt weitergereicht wurde. 

Ich finde übrigens die neue Präsentation des Grabes im Museum in Halle besonders gelungen und voller Achtung gegenüber der Person.

Viele Grüße
Michael       

Jondalar

Hallo Michael,

danke für die Darstellung der Möglichkeit, dass das Beil aus einer neolithischen Kontaktzone stammt. Das hört sich plausibel an! Wenn Du mir die Beilklinge isoliert gezeigt hättest, hätte ich gesagt: LBK!
 
Ich habe keine eigene Meinung, habe nur die Darstellung von Herrn Spies nach bestem Wissen wieder gegeben und auch das Museum in Halle ordnet die Beilklinge ja mesolithisch ein... Ergänzen kann ich noch, dass der Grünschiefer des Beiles aus dem böhmischen Jizera kommen soll, 220km Luftlinie entfernt...
Viele Grüße

Jondalar


p.s: die Präsentation finde ich, wie ja fast immer in Halle, ebenfalls sehr gelungen. Generell bin ich aber bezüglich derartiger Zurschaustellungen ambivalent. In einem derartigen besonderen Fall mag das noch vertretbar sein, aber meiner Meinung nach muss man nicht die 89.583. ägyptische Mumie aus ihrem Grab entfernen, um sie irgendwo zu zeigen...
'Das Leben ist einfach, aber wir bestehen darauf, es kompliziert zu machen!'
(Konfuzius)

Herlitz

Hallo Jondalar,

auch ich habe von Anfang an Zweifel an dem Stück. Solche Beile aus Aktinolith-Hornblendeschiefer kommen in der Gegend sehr häufig vor, und werden immer neolithisch datiert. Mich würde nicht wundern, wenn die Archäologen 1942 den Befund noch etwas aufwerten wollten und dieses geschliffene Beil zu den Funden beigefügt hätten.  :kopfkratz:
(ich liebe Verschwörungsgeschichten  :dumdidum: )
Mir wurde, wenn ich in Halle meine Zweifel äußerte, immer wieder versichert, dass es sich um ein mesolithisches Stück handelt.
 :winke:  Sven

Danske

Was die Dechselklinge aus dem böhmischen Metabasit betrifft: In irgendeinem der vielen Beiträge zum Grab der Schamanin wurde die Vermutung geäußert, dass es über einen längeren Zeitraum nach der Bestattung immer wieder von Menschen aufgesucht wurde, weil sie wohl eine besondere Verehrung genoss und das Grab eine Art Wallfahrtsstätte gewesen sein könnte.

Unter Umständen gelangte dabei die jüngere Klinge, die ich für neolithisch und der LBK zugehörig erachte, in das Grab. :kopfkratz:  :nixweiss:

LG
Holger

Ignoramus, ignorabimus.

Jondalar

Hallo Sven, Du Verschwörer   ;)

Danke für Deine Version, auch sie hat etwas für sich, zumal, zumindest mir, die Umstände der Bergung ein wenig mysteriös anmuten. Keine Fotos, keine Skizze vom Fundkontext, lediglich eine Zeichnung, die geholfen hat, den Fundort wieder aufzufinden und 2019 nachzugraben. Gut, die Leitung musste verlegt werden, es sollte ganz schnell gehen... 

Dazu der ideologische Hintergrund. Man wollte halt, ich sage es mal etwas platt, den Ariervorfahren präsentieren. Und der musste männlich sein und brauchte nun mal ein Beil, an eine mesolithischen Zeitstellung dachte wohl bei der Bergung zunächst niemand... Zu den Grabbeigaben gehört auch ein Knochenfutteral, das ein anderes Steinbeil gehalten haben soll, welches nicht überliefert ist, wie es im Katalog heißt............. 

Soweit zu den Verschwörungstheorien...   ;)  Was mich ein wenig nachdenklich stimmt, sind, ich nenne das mal so, Inkrustationen auf dem Beil. Diese wurden belassen und finden sich auf auch auf dem sogenannten Amboss aus gleichen Gestein und dem Retuscheur aus Kontaktschiefer... Es müssten dann wohl all diese Objekte beigefügt worden sein... Das Grab hat auf jeden Fall Potential für einen Archäo-Krimi...    ;)
Viele Grüße

Jondalar
'Das Leben ist einfach, aber wir bestehen darauf, es kompliziert zu machen!'
(Konfuzius)

Jondalar

Hallo Holger,

wunderbar! Noch eine Version!   ;)

Tatsächlich muss die Frau in Erinnerung geblieben und ihr Grab besucht worden sein. Die Nachgrabung 2019 erbrachte neben dem Grab eine Grube mit zwei Hirschgeweihen, die wohl 300 Jahre nach der Bestattung dort deponiert worden sind. Zudem wird diskutiert, das zumindest zwei der drei Nachweise von Kindern in dem Grab, von denen jedoch jeweils nur ein Knochen gefunden wurde, eventuell später dort eingebracht worden sind. Dann aber wohl nicht so viel später...

Ich zitiere nun noch die etwas lapidaren Worte aus dem Katalog zu dem Beil:

'Obwohl die Idee des steinernen Beils wohl erst mit dem neolithischen Paket aus dem vorderen Orient über den Balkan nach Mitteleuropa gelangte, finden sich auch im mesolithischen Kontext Beile.'

Also... ich weiß es nicht... vielleicht wird sich die Sache ja im Laufe der Zeit klären...
Viele Grüße

Jondalar

'Das Leben ist einfach, aber wir bestehen darauf, es kompliziert zu machen!'
(Konfuzius)