Das Stück, das ich zweimal fand

Begonnen von Jondalar, 24. April 2026, 10:54:50

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Jondalar

Hallo zusammen,

unmittelbar neben einem Bach auf einer erhöhten Düne fand ich vor einiger Zeit dieses Stück. Ich nahm seinen artifiziellen Charakter wahr und sah auch eventuelle, wie auch immer entstandene Retuschen an der breiteren der beiden Schmalseiten. Da ich durch Eure Kommentare hinsichtlich derartiger 'Spuren' aber selbst kritisch geworden bin und das Stück auch nicht meinem bisherigen 'Beuteschema' entsprach, verblieb es auf dem Feld. Ein paar Tage und ein paar Regenschauer später, belief ich das Feld 90° zur vorherigen Begehung. Bereits einige Schritte vorher sah ich das Stück erneut und, vielleicht hatte ich ja einen meiner seltenen lichten Momente, es kam mir deutlich verdächtiger vor und ich nahm es diesmal mit.

Zu Hause sah ich dann hier im Forum die Beiträge zu meiner vermuteten Fundzugehörigkeit durch und beschloss es vorzustellen mit der Bitte um Eure Meinung.

Länge: 66mm
Breite: max. 31mm
Höhe: max. 19mm
Gewicht: 38 gr.
Fundort: Landkreis Gifhorn

Viele Grüße

Jondalar

'Das Leben ist einfach, aber wir bestehen darauf, es kompliziert zu machen!'
(Konfuzius)

Wiedehopf

Hallo Jondalar,

vielleicht ein kleines Kernbeil (oder der Versuch eins herzustellen). Geschäftet in einer Geweihfassung kann ich es mir durchaus vorstellen.

Viele Grüße
Michael 

Steinkopf

Moin Jondalar,

Meinen Glückwunsch zudiesem interessanten Fundstück!
Die Einschätzung von Michael teile ich.
Damit wäre eigentlich (fast) alles gesagt. 

In meinem Nord-West-Deutschen Suchbereich (Weser-Ems und Elbe-Weser Dreieck)
finde ich nur sehr vereinzelt Kernbeile. Sie spielten im mesolithischen Kontext
des Binnenlandes wohl keine große Rolle(?)

Im Ostseebereich, wo die mesolithische Wirtschaftsweise sehr viel Holz für Boote,
Paddel, Reusen etc. bereitstellen mußte, sind Kern- und auch Scheibenbeile
in großer Anzahl im Fundreport.

Zur Herstellung eines Paddels der Erteböllekultur wurde ein entsprechen langer
Stammabschnitt so lange verjüngt / bearbeitet, bis unten das Blatt und oben der
lange Stil in einem Stück übrig blieben.
Der größte Teil des Holzes wurde in Spänen abgearbeitet.

Weiterhin viel Glück beim Suchen!

LG
Jan

Fischkopp

Hallo Jondalar,
meinen Vorrednern habe ich bezüglich des Fundes nichts hinzuzufügen. Doch einen Stein zweimal zu finden kenne ich ganz gut. Schön zu lesen wie aufmerksam du den Acker liest!

LG Fischkopp

Jondalar

Hallo Michael,

vielen Dank, dass Du bei diesem mal wieder nicht ganz einfach zu 'lesenden' Stück als erster eine Einschätzung gewagt hast. Ich habe mir, als mein Verdacht ebenfalls in diese Richtung ging, hier im Forum Dutzende der eingestellten Kernbeile angesehen und kam zu der gleichen Auffassung.

Die Qualität hiesiger mesolithischer Funde ist recht unterschiedlich. Während die Mikrolithe oft fein gearbeitet sind,

https://sucherforum.de/steinartefakte/dreiecksmikrolith-de-luxe/

lassen die Kratzer, die ich in diesem Kontext finde, sehr zu wünschen übrig und auch der kleine potentielle Kernmeißel, auf den ich ja erst kürzlich hinwies, ist sicherlich kein Meisterstück.

https://sucherforum.de/steinartefakte/ein-fur-mich-besonderer-fund-vii-kleines-kerngerat/

Somit verwundert es mich auch nicht wirklich, dass das jetzt gezeigte Stück ebenfalls kein optischer 'Leckerbissen' ist...
Viele Grüße

Jondalar 
'Das Leben ist einfach, aber wir bestehen darauf, es kompliziert zu machen!'
(Konfuzius)

Jondalar

#5
Hallo Jan,

vielen Dank auch Dir für Deine eindeutige Einschätzung und vor allem für Deine weiteren Erläuterungen. Du kannst offensichtlich Gedanken lesen, denn ich wollte noch die großen Unterschiede der Fundhäufigkeit in hiesigen Gefilden zum Ostseeraum thematisieren. Denn hier sind Kernbeile, selbst wenn ich meine 'Blindheit' berücksichtige, wohl ziemlich selten. Zu dem von Dir genannten Grund kommt vermutlich noch, dass sie im 'hohen' Norden über einen deutlich längeren Zeitraum hergestellt und genutzt worden, oder? Hier scheinen sie tatsächlich nur im Mesolithikum vorzukommen, die spätere Ertebölle-Kultur hatte ihren Hauptverbreitungsraum weiter nördlich, richtig?
Viele Grüße

Jondalar
'Das Leben ist einfach, aber wir bestehen darauf, es kompliziert zu machen!'
(Konfuzius)

Jondalar

Hallo Fischkopp,

dank Dir! 
Es ist für mich natürlich auch ein wenig peinlich, aber auch schon wieder amüsant, dass ich ein Beil nicht erkannt und liegen gelassen habe... Freue mich dafür umso mehr, dass mir der Fund dann doch noch gelungen ist, zumal ich schon recht lange nach einem Kernbeil(chen) Ausschau halte. Aber man findet ja oft nur, was man auch kennt...
Viele Grüße

Jondalar
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(Konfuzius)

Steinkopf

#7
Moin Jondolar,

Zitat:
"Hier scheinen sie tatsächlich nur im Mesolithikum vorzukommen,
 die spätere Ertebölle-Kultur hatte ihren Hauptverbreitungsraum weiter nördlich, richtig?"

Nicht ganz. Die Erteböllekultur ist zwischen 5.400 und 3.900 v.u.Z. 'das Mesolithikum'.
Der (1) nacheiszeitliche Meeresspiegelanstieg veränderte das heutige Dänemark zum großen Teil
von einem Festland in tausende kleine Insel und tief ins Land reichende Fjorde.
(2) Geologisch stieg später die Erde im Norden Jütlands 'vom Eise befreit`auf und veränderte
die Küstenlinie erneut. Etwa in Höhe von Aarhus ist eine 'Kippelinie', die den südlichen
Teil dieser Scholle absenkt (Auch den Norden Deutschlands heute noch). Die Siedlungen der Erteböllekultur
reichen bis in die südliche Ostsee hinein - hier sind sie dann von Tauchern in aufwendiger
Unterwasserarchäologie zu erforschen. Das geht auch die deutsche Ostseeküste z. B. bis Rügen
und noch weiter. 

Diese Ressourcenreiche Küste ist der wirtschaftliche Grund für die "Erteböllekultur",
die reiche Flintvorkommen nutzen konnte.  Auch ist die Besonderheit, dass Fischer und Sammler
an der Küste seßhaft werden konnten und spitzbödige Tontöpfe herstellten und nutzten:
Mesolithikum  mit Keramik!
Fischer als sesshafte Jäger.
In einem Teil der Niederlande wird die dort beschriebene Swifterbant-Kultur
mit ihren Ähnlichkeiten zur Erteböllekultur verglichen.

LG
Jan

thovalo

#8
Moin!

Ich persönlich halte das Fundstück weder für ein Kernbeil und halte eine mögliche Bearbeitung für fraglich.

An tatsächlichen Kernbeilen ist eine intentionelle Zurichtung gut erkennbar, wenn es denn eindeutige Fundbelege sind. Da ich gerade dieses Thema in Bezug auf das Rheinland bespechen konnte ist es gesichert, dass im Rheinland (bislang) solche Geräte überhaupt nicht vertreten sind. Die für Krefeld vom Hülser Berg behauptete Kernbeilklinge, ist der nicht professionelen Einordnung und der Fehlinterpretation einer weitgehend abgebauten  neolithischen Beilklinge geschuldet.

Am eingestellten Fundbeleg finde ich persönlich Nichts wirklich gesichert artifizielles. Die Form ERINNERT aus meiner Sicht lediglich an ein Kernbeil.

Ich bin gespannt wie die Dokumentationslage im Fundraum tatächlich aussieht und wie weit gegen "Süden" denn der Typ der nordischen MESOLITHISCHEN Kernbeilklingen überhaupt verbreitet gewesen ist.


lG Thomas
Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.