Baukeramik und Erinnerung an Gabi

Begonnen von Fabulas, 30. Oktober 2026, 19:26:38

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Fabulas

Tach  :zwinker: - ich muss heute viel an Gabi (Wiesenläufer) denken.
Sie fehlt mir und ich hoffe, sie kann von wo auch immer direkt hier ins Forum reingucken und ab und zu mitlesen.

Aber ich wollte was ganz anderes: Ich habe zwei Baukeramikstücke bekommen, die jemand aus einem aufgeschlagenen Boden eines alten Hauses entnommen hat. Direkt daneben ist unser sogenanntes "Romschlössle", das im Jahre 1589 auf älteren Mauerresten errichtet und dereinst als Adelssitz genutzt wurde. Ich gehe stark davon aus, dass die Baukeramik ursprünglich in dem Romschlössle verbaut war. Auf jeden Fall habe ich eine Meldung gemacht und bin dabei, die wunderschönen Teile als Ausstellungsstücke an ihren Ursprungsort zurückzubringen.
Das zeige ich nur mal so, bzw. weil es mal eine andere Art von Keramik ist. Und mit Gabi habe ich mich noch über die Teile unterhalten. Schöne Fundumstände, schöne Geschichte.

Liebe Grüße
Anita



Wiedehopf

Hallo Anita,

ich denke, es könnten Ofenkacheln sein.

Viele Grüße
Michael

p.s.:   ja, Gabi fehlt hier im Forum. Danke für die Erinnerung !

Rheinpirat

Guten Morgen,

das sind Bestandteile eines Ofens. Eine Blattkachel mit Greifen-Darstellung und wahrscheinlich eine Eckkachel mit dem Engel. Wunderbar ausgearbeitet, beides absolut museumstauglich!

Die Greifen-Darstellung findet man nicht selten an Öfen aus der Spätgotik. Da gibt es mehrere datierte Vergleichsstücke, u.a. im Museum der Burg Altdahn (leider seit längerer Zeit schon geschlossen) und im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe. Auch die Engels-Darstellung finde ich irgendwie spätgotisch anmutend. Als vorsichtige Schätzung würde ich 2. Hälfte 15. Jahrhundert annehmen. Also meiner Meinung nach schon vor dem Romschlössle, das übrigens ein sehenswertes Bauwerk ist  :-)

Viele Grüße

thovalo

#3



Guten Tag und das sind sehr schöne Fundbelege!

Ob das Ofenkacheln sind oder Stücke von Zierfriesen aus Terracotta, liesse sich möglicherweise nach Bildern der Rückseiten erschließen. Das Motiv des Greifen wirkt sehr gleichmäßig ausgeführt und würde im Stil in das 15. Jh. passen.

https://furnologia.de/motive/greif-aus-loerrach/

Der Engel ist fein und im Halbrelief vortretend, im spätgotischen Stil ausgeführt worden und war möglicherweise ein Wappenhalter.

Was jeweils auffällt, ist die gleichmäßig rechtwinklige Form der linken Kachel, die jeweils klare und gleichmäßige, wie auch qualitätsvolle Ausprägung der Darstellungen, wie auch die fehlende Glasur, die sich auch bei Bodenfunden erhalten haben sollte.

So müsste man erstmal klären wie die Rückseiten aussehen und ob es sich um tatsächlich um Kacheln aus der Zeit handelt, deren Stilmerkmale sie zeigen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Romschl%C3%B6sschen

lm 19. Jh. wurden die "alten Stile" sehr geschätzt und weil originale Stücke kaum vorhanden waren (und auch weiter sind), bildete man dann Stücke im Stil alter Vorlagen nach. Wo diese Fundstücke zuletzt zeitlich einzuordnen sind wird sich zeigen.

Doch gleich welchen Weg die Ansprachen nehmen werden und da ist alles offen, sind das schöne "sprechende Stücke", die etwas über die jeweilige Zeit aussagen.


Danke fürs Zeigen und vielleicht sind Bilder der entscheidenden Rückenansichten möglich.



lG Thomas.  :winke:



Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.

Fabulas

Lieber Thomas,
ganz besonders herzlichen Dank für Deine professionellen Anmerkungen :Danke2:. Die werde ich auf jeden Fall mit einbauen. Aber vorher zeige ich selbstverständlich noch die Rückseiten. Tatsächlich müsste ich recherchieren, wann das Gebäude, in dem die Kacheln gefunden wurden, erbaut wurde. Ich bleib da mal dran.

Jetzt bin ich ganz gespannt, wie Deine Einschätzung nach einem Blick auf die Rückseite ausfallen wird.

Viele Grüße!
Anita

PS: Es ist komisch - ich kann jetzt hier direkt keine Bilder hochladen. Kommen also separat.

Fabulas

Und hier die Bilder.
Ich arbeite an einem MAC mit IOS. Konnte die Bilder erst einfügen, als ich die leere Vorschau geöffnet habe. Jetzt weiß ich endlich, wie's geht.  :super:

Liebe Grüße!
Anita

Fabulas

Kleiner Nachtrag,

ich hatte heute ein Gespräch mit dem Archäologen und siehe da: Es kommt mir fast so vor, als hätte er selbst hier geschrieben @Thovalo und @Rheinpirat :-) Krass!
Vielen Dank!
Wie die Geschichte am Ende komplett ausgeht berichte ich Euch hier, wenn es soweit ist. Das kann aber noch ein bisschen dauern.
:winke:
Anita

Rheinpirat

Kurze Anmerkung, da ich gerade in einem anderen Zusammenhang darüber gestolpert bin:
Anbei ein paar (inzwischen bestimmt gemeinfreie  :zwinker: ) Engels-Darstellungen aus der gotischen Ölmalerei. Die von Robert Campin aus ca. 1410 kommt der Darstellung auf der Ofenkachel wirklich bemerkenswert nahe.

Ich freue mich auf ein Update, wenn es soweit ist  :super: .

thovalo

#8

Moin und das ist eine schöne Vielfalt an gut recherchierten gotischen Engeldarstellungen. Solche Gemälde waren allerdings nicht die unmittelbaren Vorbilder, denn das Kachelmacherhandwerk hatte eigene Zunftregeln und handwerkliche Zugänge.


Engel als Motiv des Wappenhalters sind in der Ofenkachelherstellunge zunächst ein verbreiteter Standard gewesen.

https://www.ingolstadt.de/stadtmuseum/scheuerer/ausstell/hafner24.htm

Was die beiden Kachelfunde auszeichnet, ist deren handwerkliche Qualität die, auch am Fragment sichtlich, die Engelkachel mit dem Wappen betrifft.

Die Kachelmacher waren oft nicht auch die Entwerfer der Motive. Das waren meist Bildstecher, die die notwendigen Modeln noch Wunsch produzierten. Meist waren die bildlichen Darstellungen, mal freundlich gesagt, rustikaler oder "naiver" ausgeführt, als die hier gezeigten doch sehr qualitätsvollen Exemplare. In dieser gehobenen Qualität arbeiteten Model- und Kachelmacher, mal auf die Fundregion bezogen, insbesondere am Oberrhein, also in und ab der Schweiz und dann die Bodenseeregion hinunter. Es gibt auch andere Regionen wie Köln, die Maasregion, Prag usw., die aber weiter weg abgelegen sind.

Die Kachelmacher selber konnten den Modelmacher auch umgehen, indem sie einfach Abformungen von vorhandenen Kacheln, von Statuen und Reliefs aus Stein oder Holz nahmen, die sie danach von der Patrize zur Matrize um"modelten" und die Darstellungen dann, dem Wunsch nach, weiter ausarbeiten. Das war ein insgesamt sehr pragmatisches Handwerk.


Wenn man Kachelfunde bearbeitet, sucht man erstmal im näheren und weiteren Umfeld ach Vergleichsstückenund Produktionsstätten und nach stilkundlichen Beziehungen zu anderen Fundkomplexen und Befunden.

Dazu benötigt man die Originale und Zeit für die wissenschaftliche Bearbeitung die, so wie ich das verstanden habe, wohl auch möglich sein wird.

Weil die Darstellungen so schön ebenso zum Stil des Hitorismus passen und man auch da dann einfach Kacheln abformte und dann natürlich die schönsten Beispiele, bleibt abzuwarten, wie diese Stücke in der zeitlichen Entstehung eingeschätzt werden können. Da die Glasur dem Eindruck nach fehlt wäre es sogar möglich, dass sie unmittelbar am Ort hergestellt waren aber nicht endgültig fertig gestellt wurden.

Das wird aber die nähere Bearbeitung zeigen. Schön finde ich, das sozusagen ein Stück Nachlaß, mit so einem liebevollen Bezug, noch seinen Platz finden kann.


lG Thomas


Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.

thovalo



Noch eine Anmerkung zu den Rückseiten, da ich erst jetzt gesehen habe, dass auch Bilder des Rückeite des Greifens mit eingestellt sind.  :glotz:

Das Stück mit dem Engel hat die Zagen für den Einbau in einen Ofen. Daher ist die Ansprache als Ofenkachel zutreffend. Das Stück mit dem Greifen hat diese Fassung nicht. Ich erkenne keine abgebrochene Ränder an den erhaltenen Kantenverläufen.


Und zuletzt noch. Da es Bodenfunde aus nicht näher dokumentierten Zusammenhängen sind, könnten es auch Sammlerstücke aus dem Besitz eines Bewohner des Hauses gewesen sein. Da gibt es noch viel herauszufinden!


lG Thomas
Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.