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Lesefunde => Steinartefakte => Thema gestartet von: Levante in 08. Januar 2026, 14:31:47

Titel: Grundlegende Fragestellungen in der Forschung, Artefakt „Ja“ oder „Nein“!
Beitrag von: Levante in 08. Januar 2026, 14:31:47
Hi,


Ich nehme Bezug auf diesen Beitrag, da ich ihn als durchaus repräsentativ für bekannte Probleme in der Forschung ansehe.

https://sucherforum.de/steinartefakte/spitzer-abschlag-mit-retuschen/?topicseen


Bei allem nötigen Respekt, diese Standardantworten nach Lehrbuch finde ich leider sehr störend, da sie nicht das vorliegende Problem ansprechen.

Nicht jedes Artefakt muss zwangsläufig aus einem Abschlag gefertigt worden sein. Viele Artefakte entstehen aus Trümmerstücken oder aus Frostscherben. Der Begriff intentionell angelegte Retusche ist bei solchen Artefakten, wie dem hier vorgelegten Beispiel kaum hilfreich.

Die richtige Antwort wäre gewesen, sorry ich kann zu dem Fund leider nicht passenden sagen.

Das Artefakt weist ohne jeden Zweifel Retuschen auf. Wir sprechen hier jedoch eher von Gebrauchsretuschen. Auch die Einbuchtung ist für solche Artefakte typisch.

Das Problem, was leider kaum einer von den "Steinzeit Experten" eingesteht, ist, dass es natürlich Typologien von Artefakten und Werkzeugen gibt. Aber es eben auf vielen Fundplätzen oft wesentlich mehr Artefakte gibt, die den gängigen Typologien nicht entsprechen.

Auf meinen Jungpaläolithischen Fundplätzen in Mittelhessen habe ich unter Berücksichtigung dieses Problems nach Professor Terberger eine Unterteilung in drei Artefakt Klassen (Artefakt Kategorien) vorgenommen, auch wenn dies noch nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Artefakte der Kategorie 1, darunter Fallen vor allem typologisch klassifizierbare Werkzeuge wie Kernkantenklingen und Abschläge mit Retuschen, sowie Kernsteine bzw. Kernreste. Diese machen etwa 3% der Funde aus.

Artefakt Kategorie 2, sind meist Reststücke oder Frostscherben mit Retuschen und oder Buchten, auch diese sind meist vollständig retuschiert. Der Experte spricht hier oft von nicht intentionellen Retuschen, was eigentlich quatsch ist. Diese machen bei mir etwa 70 % der Funde aus. Aber auch diese sind natürlich Artefakte, die für die unterschiedlichsten Verwendungszwecke genutzt wurden. Die kann oder will der Experte aber nicht zuordnen, ansprechen oder datieren.

Artefakt Kategorie 3 sind meist Reststücke oder Abfallstücke mit teilweisen Gebrauchsretuschen, sowie Abschlagspuren, anschlagspuren, Klopfspuren. Diese machen den Rest der Objekte aus. Auch diese lassen sich nicht näher ansprechen. Daher belasse ich diese mittlerweile meist vor Ort.

Gerade das große Problem mit den Objekten der Artefakt Kategorie 2 hat mich mittlerweile leider dazu gebracht, dass ich die Steinzeitforschung aktuell kaum noch als sinnvoll für mich erachte.

Klar es gibt Fundstellen wo viele Artefakte der Kategorie 1 zu finden sind, aber es gibt eben auch viele Fundstellen, vor allem Schlagplätze, wo diese kaum vorkommen. Und zu behaupten, die Artefakte der Kategorie 2 seien keine eindeutigen Artefakte, oder diese werden oft sogar in den wissenschaftlichen Auswertungen nicht einmal berücksichtig ist ein echtes Problem, über das aber kaum gesprochen oder diskutiert wird.

Etwas überspitzt formuliert:
Wenn man nur einen gewissen Prozentsatz der Funde in wissenschaftlichen Arbeiten berücksichtigt, ist das nach meinem Verständnis eigentlich keine exakte Wissenschaft.


Das musste mal raus.  :friede:

LG

Patrick

P.S. Aus dem Bewusstsein heraus über die bekannten Probleme, konzentriere ich mich seit Jahren eher auf die Keramikforschung des Mittelalters und der Neuzeit.
Titel: Aw: Grundlegende Fragestellungen in der Forschung, Artefakt „Ja“ oder „Nein“!
Beitrag von: thovalo in 08. Januar 2026, 15:02:42
Moin!

Mit sehr ähnlichen und ausführlichen Nachhalt hätte auch gesagt werden können, es gäbe dumme Fragen!  :winke:
Das behauptet hier aber auch Keiner.

Wenn man hier gezeigte Artefakte ansprechen möchte, bleiben einem die Kritierien die die Bilder und die Beschreibungen die die Fundumstände und Zusammenhänge vermitteln.

Wenn es um hochfeine Abstufungen von glasklaren Artefakt bishin zur möglichen Gebrauchsspuren an sonst nicht definierten Stücken geht, dann ist das hier auch schlicht falsch am Platz. Das ist ein Forum das Orientierung geben oder in eine gemeinsame Diskussion einsteigen kann. Dann bleibt ein letztendlicher  Schluß eben auch mal offen.

Fundkomplexe werden, auch wenn sie aus gut erschlossenen und dokumentierten facharchäologischen Grabungen stammn, fachwissenshaftlich intern diskutiert und jeder hat dabei die Möglichkeit seine Perspektiven mit einzubringen. Dieses Forum ist aber nicht der Ort für solche feinen Gradierungen die unter den im Fach langjährig beruflichen tätigen Spezialisten üblich sind.



lG  Thomas 


Titel: Aw: Grundlegende Fragestellungen in der Forschung, Artefakt „Ja“ oder „Nein“!
Beitrag von: Danske in 10. Januar 2026, 11:44:33
Lieber Patrick,

mit einigem von dem, was du in deinem kritischen Beitrag geschrieben hast, liegst du sicherlich richtig, bei einigem aber auch falsch.

Wenn ich dich richtig verstanden habe, geht es vor allem um die abschließende Lösung der Frage: Liegt im Einzelfall ein Artefakt, ein Pseudoartefakt oder ein Geofakt vor?

Ich denke, diese Antwort wollen wir alle zu unseren Fundstücken bekommen.

Es ist aber nicht die Aufgabe dieses Forums, immer eine abschließende und verbindliche Ansprache zu erlangen. Wir haben, wie Thomas shon schreibt, nur die Fotos und die Fundumstände zur Verfügung, um eine Beurteilung treffen zu können. Und diese Beurteilungen erfolgen immer individuell nach Wissens- und Erfahrungsstand der Forumsmitglieder. Und, das sollte klar sein, sind diese Einschätzungen nicht in Stein gemeißelt, denn sie erfolgen nicht anhand des Originals.

Aber warum sollte ich, der ich mich als absoluter Laie betrachte, nicht auch eine (vorsichtige) Beurteilung eines Fundstücks abgeben können, die vielleicht hilft, aus einer sich entwickelnden Diskussion heraus zu einer Ansprache zu gelangen? Wenn wir alle nur noch schreiben: "Sorry ich kann zu dem Fund leider nicht passendes sagen.", hilft das erstens dem Finder überhaupt nicht weiter und zweitens können wir dann das Forum eigentlich in die Tonne stopfen.

Was die Begrifflichkeit "intentionell" angeht: Sie bedeutet einach nur "beabsichtigt", "vorsätzlich" und bezieht sich auf die Artefaktherstellung (Abschläge, Klingen, Kerne) sowie die Bearbeitung und Formgebung (Retuschen). Fachleute können durchaus erkennen, ob z.B. ein Abschlag durch Menschenhand erfolgte oder zufällig durch den Zusammenprall zweier Gerölle entstanden ist oder ob eine Retusche beabsichtigt angelegt wurde oder durch Pflug, Bodenmechanik etc. entstanden ist.
Bei dem Fund https://sucherforum.de/steinartefakte/spitzer-abschlag-mit-retuschen/?topicseen liegen zweifellos Retuschen vor, aber woran machst du fest, dass es sich um Gebrauchsretuschen handelt? :kopfkratz: Die Retusche kann, wie auch die Einbuchtung, im Brandungsgeschehen entstanden sein. Aus meiner Sicht wäre hier die Begutachtung durch einen Fachmann anhand des Originals erforderlich.

Lieber Patrick, auch wenn du dich, wie schreibst, aus dem Bewusstsein heraus über die bekannten Probleme seit Jahren eher auf die Keramikforschung des Mittelalters und der Neuzeit konzentrierst, hoffe ich, dass wir uns beim geplanten Treffen der AG Alt- und Mittelsteinzeit Hessen am 09.05.2026 wieder mal sehen.

Liebe Grüße
Holger :winke: