Geo-archäo-botanische Bohrungen an einem Lagerplatz der späten Altsteinzeit

Begonnen von thovalo, 27. Oktober 2023, 13:42:42

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thovalo



Moin!

2003 entdeckte ich ein Fundareal auf einem erhöhten Plateau, neben einem breiten Graben, hellpatinierte kleine Silexartefakte die nicht eindeutig einzuorden waren. Die Formate der Artefakte deuteten tendenziell auf ein ungewöhnliches Mesolithikum hin. Weil ich parallel dazu einen hoch komplexen neolithischen Fundplatz erarbeitet habe, bin ich dann jedes Jahr nur einmal auf dieses Gelände gekommen und konnte bei den jeweiligen Begehungen auch nur wenige weitere kleinformatige Artefakte auflesen. 2015 führte ich zur Klärung der Zeitstellung dann im Verlauf eines Jahress dreimalig hoch intensive Begehungen durch. Dabei fanden sich die ersten sicheren Hinweise auf eine spätaltstienzeitliche Zeitstellung des Platzes.

ln den folgenden Jahren verfestigte und erweiterte sich das Bild, bis ich den Platz und sein Fundinventar dann im üblichen langatmigen akademischne Prozess (These-Antithese-Synthese) vorlegen und abschließend diskutieren konnte. Danach wurde der Fundplatz anerkannt und in die offiziel geführte Liste der spätaltsteinzeitlichen Fundplätze im Rheinland aufgenommen.

Allerdings mit der nicht geklärten Frage, ob dieser Platz in seiner Lage dem traditionellen Siedlungsmuster, nämlich der Lage an einem Fließgewässer, folgt oder nicht.

Wieder gingen einige Jahre ins Land, bis die zuständige Stadt, ungewöhnlicher- und unerwarteterweise, das finanzielle Budget für die Finanzierung der fachwissenschaftlichen Aufnahme und Auswertung des Fundinventars freigegeben hat. Diese Arbeit läuft nun bereits fast über ein Jahr und zeigt bereits sehr attraktive Ergebnisse.

Durch den intensiven und komplexen Austausch und intensive Netzwerkarbeit wurden dann Vorgestern ergänzend archäo-geologische Bohrungen durch die Universitäten Köln/Bonn durchgeführt. Dabei wurde die große Grabenstruktur systematisch beprobt, die ich durch kartografische Recherchen im Vorfeld, als vermutlichen Teil des Meanders eines kleinen Flusses angenommen hatte, der heute noch, in etwas Entfernung, am Fundplatz vorbei fliesst.

Es wurden in der Grabenstruktur drei Querschnitte zur Durchführung von jeweils drei in Abständen zueinander gesetzten Bohrungen festgelegt.

Der erste Bohrdurchgang in drei Sätzen, wurde an der breitesten und tiefsten Stelle angelegt. Dabei erwies sich dieser Bereich als rezent durch einen Sandabbau gestört, sodass kein wissenschaftlich geeigneter Befund zur gewachsenen Bodenstratigrafie erhoben werden konnte. Für mich waren damit die ohnhin sehr gedämpften Hoffnungen auf ein positives Ergebnis ereits komplett erledigt.

Nicht aber für die leitende Professorin Dr. R. Gerlach von der UNI Köln/Bonn. Es zeigt sich in solchen Situation immer wieder, wie sehr tiefgreifende wissenschaftliche Erfahrung neue Perspektioven eröffnen können.

Es wurden nach diesem, für mich enttäuschenden "Fehlschlag", die beiden weitere Stellen in einiger Entfernung zur ersten Probenentnahme beprobt. Eine davon lag direkt neben dem Fundplatz und beide Bohrungen wiesen nun keine rezenten menschlichen Eingriffe mehr auf. Die allerletzte Bohrung erreichte dann sogar direkt die Bodenbildung des Eiszeitalters.

Für mich war der hohe technologische Aufwand, die Ausdauer und die Bereitschaft allter Beteiligten zu einem wirklich langen, kräftezehrenden und aufwändigen "Arbeitstag", zutiefst  beeindruckend.

Die gezogenen Proben mussten zunächst eingemessen, dann ausgemessen, gereinigt, analysiert und in ihre Stratigrafie gegliedert werden. Die dafür notwendigen genaue Dokumentation wurde in doppelt Ausführung geführt um ggf. spätere Unklarheiten beseitigen zu können. Meine Aufgabe war die Einmessung der einzlenen Bohrstellen, die gleichfalls doppelt ausgeführt worden ist.

Danach wurden aus den relevanten Bereichen der Bohrkerne die notwendigen Proben genommen. Wie zu erwarten gewesen ist, gab es keinen Hinweise auf kalkhaltige Bestandteile im Boden, was dann erstmal keine Knochenerhaltung erwarten lässt. Allerdings zeigten sich in mehreren Segmenten eindeutig i organische Erhaltung. Das bedeutet, dass nun sowohl C14-Daten erhoben und auch Pollenanalysen durchgeführt werden können. Dadurch kann nun auch die natürliche Umwelt des spätaltsteinzeitlichen Fundplatzes datiert und für diesen Platz genau analysiert und beschrieben werden.

Auch wenn das für mich persönlich deutlich an und über meine Kräfte ging, war das ein unglaublich positives Erlebnis und Ergebnis.

Der Materialaufwand, dieTechnologie, die Manpower der beteiligten Archäologen, deren sich bündelndes Fachwissen, die unglaubliche Professionalität in der gemeinsamen Sache und die Kollegialität in der Arbeit hat diesen Tag für mich zu einem unvergesslichen Eelebnis gemacht.

Im Abschluss wurden noch die folgenden notwendigen Arbeitsschritte der Auswertung der Daten und der Proben klar be- und abgesprochen.

Das dieser, für einen archäologischen "Hobbysammler", vollkommen uninteressante Platz, der keine goldenen Münzen oder attraktive Pfeilspitzen überliefert, für die Wissenschaft inzwischen von Bedeutung geworden ist und von den ersten bescheidenen Anfängen bis heute, so einen Lauf genommen hat und sich dann auch noch so positiv im Ergebnis zeigt, hat mich sehr beeindruckt und macht mit außerordentlich zufrieden.

Der "Nebeneffekt" ist, dass die zuständigen Archäologiebereiche des LVR, der Universitäten und der Stadtarchäologie, mit diesem Projekt inzwischen viele positive gemeinsame Erfahrungen machen konnten. Das stärkt wiederum das wissenschaftliche Profil in der Region, die bislang, mit Ausnahme des Neandertals, vollkommen außerhalb der aktiven Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen archäologischen Forschung gelegen hatte.

Ein Ergebnis steht im Übrigen schon fest. Der "Graben" ist kein Teilstück des meandrierenden kleinen benachbarten Flüsschens. Er ist das Relikt eines Altarms des urgeschichtlichen "wilden" Rheinlaufs. Damit ist nun die charakteristische Lage des Fundplatzes, auf einer hochwasserfreien Anhöhe, an einem Fließgewässer, geklärt und betstätigt. Dass es der Rheinlauf ist, hebt den Fundplatz unter den inzwischen 80 Fundplätze im Rheinland, deutliche hervor. Zumeist liegen solche Fundplätze an den kleinen Flüssen, die in den Rhein entwässern.

Der Fundplatz überliefert nach dem Befund, das bislang umfangreichste Inventar des späten Paläolithikums rechts des heutigen Rheinlaufs im Rheinland.


lG Thomas


Das vorletzte Bild zeigt den Bereich des Bohrkerns, der dann das Eiszeitalter umfasst hat und damit auch die Zeitspanne, als in der späten Altsteinzeit an diesem Flussarm eine der typischen kleinen Jäger- und Sammlergruppe für ein paar Tage oder Wochen ihr Lager aufgeschlagen hatte.

Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.

stratocaster

Das ist ein schöner umfassender Bericht.
Ich denke, dass es unglaublich viel Erfahrung braucht, um solche Bohrkerne
auswerten zu können.
Wobei ich mich bei solchen "Stichproben" immer frage, ob es einen Meter daneben
völlig anders aussehen mag  :glotz:

Trotzdem: Tolle Sache  :super:
Das Sucherforum dankt all denen,
die zum Thema nichts beitragen konnten
und dennoch geschwiegen haben !

Birk

Moin Thomas,  klasse Bericht. Danke dafür das du es so Ausführlich geschildert hast. :super:  Das ist doch super das deine vorherige "Arbeit" mit solch einem Unternehmen so gewürdigt wurde. Da müssen die Jungs und Mädels schon ordentlich anpacken um das Bohrgestänge wieder aus dem Boden zu bekommen. :zwinker:

Gruß
   Thomas

Munigis

Wirklich toller Bericht. Vielen Dank für die ausführlichen Informationen :Danke2:
Grüße
Oli

Wiesenläufer

Moin Thomas,

vielen Dank für diesen sehr interessanten Einblick in eine Zeit von der ich hier bei mir maximal ein verstreutes Fundstück hätte.  :Danke2:

Liebe Grüße

Gabi
Wer viel geht, findet viel.
(Nicht auf meinem Mist gewachsen)

Furchenhäschen

Servus Thomas,
vielen Dank für diese Einblicke und was man mit Ausdauer bzw. Beharrlichkeit einer über 2 Jahrzehnte währenden regelmäßigen Begehung als anerkennendes Ergebnis erreichen kann zeigst Du mit diesem Bericht auf.

Grüße
Peter