Augensprosse / Hirschgeweih - Fund vom Strand

Begonnen von Steinkopf, 15. August 2023, 00:56:41

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Steinkopf

Moin,

schon vor einigen Jahren fand ein Bekannter an der Nordseeküste im Norden von Jütland
diese
Augensprosse vom Hirschgeweih. Ich darf es hier vorstellen:

Das Teil ist sehr leicht geworden lässt aber die Bearbeitungsspuren der Abtrennung noch gut erkennen.

Es sieht danach aus, dass  diese Sprosse vor langer Zeit vielleicht als Druckstab für die Steinbearbeitung
von der Geweihstange abgetrennt wurde.

Wenngleich solche Funde selten sind, so wurde 1889 in Norre Lyngby (etwas südlich dieses Fundplatzes)
in der Steilküste die in der Literatur oft erwähnte Axt aus Rengeweih sowie die Lynby/Bromme Spitze
(Schaftzungenspitze der Bromme Kultur) gefunden.

LG
Jan


thovalo



Moin!

Das Stück ist in der Brandung verrollt und es ist nicht selten, dass sich Hirsche und Rehwild im Dünenbereich aufgehalten haben. An einem so geprägten Stück, an dem die äußerste Spitze der größte Schwachpunkt ist, ist die Annhahme einer menschlichen Verwendung wohl kaum mehr sicher zu belegen. Dann bleibt auch immer noch die Frage zu welcher Zeit eine mögliche Verwendung stattgefunden hat.

Druckstäbe können nur aus einem Befund sicher angesprochen und vor allem zeitlich zugeordnet werden.


lG Thomas
Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.

Steinkopf

Lieber Thomas, Danke für Deine Einschätzung - dass sie kritisch ist, wundert mich nicht.

Zunächst vorweg, diese abgetrennten Augsprossen aus Hirschgeweih sind in Jütland
und  im Ostseeraum  Standardfundstücke. In einer Typologie die sich nicht auf Lithik beschränkt (Jeg ser pa oldsager , Kopenhagen 1966) ist der Druckstock unter der Nummer 123 erfasst.
In ,Nordische Vorzeit' von Johannes  Bröndstedt, Wachholzverlag Neumünster, 1960 wird dieser Gerätetyp auf S. 121 abgebildet und als Schlag- oder Druckstock aus Edelhirschgeweih benannt.

In der weiteren archäologischen Literatur ist der Druckstock zu unspektakulär.
Äxte aus Geweih, zum Teil mit Verzierung, Harpunen und anderen interessant gestalteten Bein- und Knochengeräte machen mehr her und füllen die Bildtafeln.

Auch Deinen Wunsch, wonach dies ,aus sicherem Befund' stammen sollte ist bei Oberflächenfunden, nicht gegeben.

Die Fundregion Nord-Jütland war bis auf Moränenhügel nacheiszeitlich z. T. unter Wasser.
Erst durch die nachlaufende Tektonik hat sich diese Erdscholle weiter aus dem Meer erhoben.
Die damaligen Küstensiedlungen der Kongemose- und Erteböllekultur liegen deshalb heute im Binnenland.

An der Steilküste wird die ,Ausgrabung' von  der Natur vorgenommen: Da kann dann ein Uniformknopf der Reichswehr auf eine TBK-Lage mit Pfeilschneiden fallen. Weiter unten liegen mesolithische Artefakte und zuletzt (bei Norre Lyngby) das Beil aus Rengeweih.

Abgesehen von Flintartefakten konnte ich eine Geweih-Axt und ein halbes Dutzend Oberschenkelknochen finden.
Einer war dunkel verfärbt und aus der Erteböllekultur wie die Uni Aarhus bestätigte.
Dort ist auch eine Auerochsenrippe gelandet.

Druckstock-Abbildungen werde ich später noch einstellen.

LG
Jan

Wiedehopf

ZitatIn der weiteren archäologischen Literatur ist der Druckstock zu unspektakulär.

Moin Jan,

in einem älteren Buch (Hohen Viecheln - ein mittelsteinzeitlicher Fundplatz in Mecklenburg) werden gute Bilder von Fundstücken aus organischen Material gezeigt, nicht abgerollt sondern aus gesicherter Fundlage. Ich hänge mal die Tafel für Vergleichszwecke ein. Der Autor Ewald Schuldt lässt allerdings offen wozu die Geräte dienten:

ZitatWerkzeuge aus Geweihenden: Die unter dieser Gruppe zusammengefassten Werkeuge sind zu verschiedenen Zwecken benutzt worden. Man möchte Druckstäbe für die Feuersteinbearbeitung sehen. Einige andere mögen als Spitzwaffen bei der Jagt gedient haben. Eine ähnliche Verwendung hatten vielleicht auch eine größere Anzahl von Sprossen und Enden, die an der Spitze keine Bearbeitungs- und Abnutzungsspuren aufweisen und daher nicht mit Sicherheit als Werzeuge bezeichnet werden können. 

Viele Grüße
Michael